Die größte Gefahr für Agenturen ist nicht AI – sondern ihr schlechter Einsatz
Plötzlich ist alles intelligent. Jeder Algorithmus wird zur künstlichen Intelligenz erklärt, jede Automatisierung zum Durchbruch und jede Präsentation braucht mindestens drei Folien darüber, wie revolutionär der eigene Umgang mit KI angeblich bereits ist. Gleichzeitig entstehen täglich neue Prognosen: Agenturen werden halbiert, Teams ersetzt, Juniors überflüssig und Marketing in wenigen Jahren vollständig automatisiert.
Die Realität sieht deutlich unspektakulärer aus. Die größte Gefahr für Agenturen ist nicht, AI zu ignorieren. Die größte Gefahr ist, sie falsch einzusetzen. Denn KI macht Agenturen nicht automatisch besser. Sie verstärkt nur das, was bereits vorhanden ist: gute Prozesse, schlechte Prozesse, strategisches Denken oder operative Beliebigkeit.
Wer schlechte Arbeit automatisiert, produziert schlechte Ergebnisse schneller.
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Benjamin Völk
ONLINE UNITED
AI ist kein Godmode – sondern ein Werkzeug
Ein simples Prinzip hilft dabei: Gute Ergebnisse entstehen dort, wo Menschen bereits wissen, was sie erwarten. Wer eine Analyse selbst grundsätzlich durchführen könnte – nur langsamer oder weniger tief –, kann KI sinnvoll nutzen. Wer dagegen hofft, Expertise vollständig zu ersetzen, produziert meist nur überzeugend formulierten Durchschnitt. Die Verantwortung bleibt dabei immer beim Menschen. Eine AI-unterstützte Entscheidung bleibt eine menschliche Entscheidung.
Deshalb gilt für uns ein einfacher Grundsatz: Nichts verlässt den eigenen Qualitätscheck. Keine Strategie, keine Empfehlung, keine Analyse und keine Kundenkommunikation basiert ungeprüft auf einem KI-Output. AI liefert Hinweise. Menschen tragen Verantwortung.
Enablement statt Replacement
- Recherche und Datenaufbereitung
- Meeting-Zusammenfassungen
- Strukturierung großer Datenmengen
- Pattern Recognition in Tracking- oder Performance-Daten
- technische Fehlersuche und Analyse
Ein konkretes Beispiel:
Ein Kunde möchte die Entwicklung eines internationalen Partners über mehrere Länderprogramme verstehen. Seit wann läuft die Zusammenarbeit? Wie entwickeln sich Umsatz, eCPC, Gutscheinquote oder Neukundenanteile? Gibt es Auffälligkeiten? Früher bedeutete das: Exporte aus mehreren Programmen, CSV-Dateien, Zusammenführen, Datenbereinigung, Pivot-Tabellen, Interpretation. Heute können große Datenmengen innerhalb weniger Minuten aggregiert, strukturiert und nach einem festen Schema aufbereitet werden.
Das Entscheidende dabei: AI macht das nicht autonom. Sie kennt keine Geschäftslogik. Sie versteht keine Kundenbeziehung. Sie weiß nicht automatisch, wie Neukunden identifiziert werden oder welche KPI in welchem Markt wirklich relevant ist. Dieses Wissen liefern Menschen. AI erkennt Zusammenhänge. Menschen bewerten Relevanz. Gerade bei großen Datenmengen liegt hier ein enormer Hebel: Muster, Anomalien oder potenzielle Probleme werden schneller sichtbar – ob Fraud-Hinweise, Trackingfehler oder ungewöhnliche Entwicklungen in der Performance.
Der Irrtum der Vollautomatisierung
Bis es kippte. Nach einigen Monaten häuften sich Nachfragen zu E-Mails, die durchgerutscht waren. Prioritäten wurden falsch gesetzt. Englische Nachrichten wurden auf Deutsch beantwortet und umgekehrt. Gleichzeitig stieg der Kontrollaufwand. Der Punkt war erreicht, an dem die Überprüfung der Ergebnisse länger dauerte als die eigentliche Aufgabe. Damit verlor das System seinen Wert.
Das wichtigste Learning daraus: Sobald die Kontrolle teurer wird als die eigentliche Aufgabe, verliert AI ihren Nutzen. Nicht weil die Technologie schlecht wäre. Sondern weil wir ihr zu viel Entscheidungsmacht gegeben hatten. AI darf nur so autonom sein, wie ihre Verlässlichkeit es erlaubt.
Der gefährlichste Irrtum: AI ersetzt Expertise
Das eigentliche Problem: Viele verwechseln Geschwindigkeit mit Qualität. Schnellere Strategien sind nicht automatisch bessere Strategien. Mehr Output bedeutet nicht mehr Relevanz. Und ein überzeugend formulierter KI-Text bleibt inhaltlich wertlos, wenn niemand mit echter Expertise darüber gearbeitet hat. Man erkennt solche Inhalte inzwischen erstaunlich schnell: aufgeblähte Whitepaper, generische Handlungsempfehlungen, viel Oberfläche – wenig Aussagekraft.
Die unbequeme Frage: Woher kommen künftig Seniors?
Wenn AI die Lernarbeit übernimmt – woher kommt künftig Erfahrung?
Wie entstehen Menschen mit echter Senior-Credibility, wenn niemand mehr gezwungen ist, sich durch Daten, Fehler und operative Komplexität zu arbeiten? Eine überzeugende Antwort darauf hat die Branche bislang nicht. Vielleicht liegt sie in stärkerem Mentoring. Vielleicht in bewusst geschaffenen Lernräumen. Vielleicht auch darin, Juniors KI nicht als Abkürzung, sondern als Lernwerkzeug zu vermitteln.
Die Frage bleibt. Ignorieren sollte man sie nicht.
Die Agentur von morgen
Denn Marketing funktioniert nur dann, wenn man versteht, wie sich Menschen durch digitale Ökosysteme bewegen – über Plattformen, Touchpoints und Entscheidungsräume hinweg. AI hilft dabei, diese Komplexität schneller zu verstehen. Sie hilft, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Daten zugänglich zu machen und Muster schneller zu erkennen.
Aber sie ersetzt keine Erfahrung. Sie ersetzt keine Verantwortung. Und sie ersetzt keine mutigen Entscheidungen. Die größte Gefahr für Agenturen ist deshalb nicht AI. Es ist die Illusion, dass AI die Arbeit des Denkens übernimmt.