#FairAffiliate – Ein Jahr später. Warum unsere Branche jetzt den nächsten Schritt gehen muss.

– von Marcus Seidel und Gregor Janik (ADCELL) –

Vor ein paar Wochen hat mich auf einer Veranstaltung jemand gefragt, ob sich bei uns mit #FairAffiliate jetzt eigentlich was verändert hat. Ich habe kurz gezögert. Nicht weil mir die Antwort peinlich gewesen wäre, sondern weil ich sie mir zum ersten Mal seit Monaten wirklich ehrlich überlegen musste, statt die eingeübte Antwort abzuspulen. Vor einem Jahr haben wir #FairAffiliate gestartet, nicht weil Affiliate Marketing ein Imageproblem hat, das wir lösen wollten, sondern weil ich überzeugt bin, dass eine Branche, die komplett auf Partnerschaften aufgebaut ist, sich irgendwann entscheiden muss, ob sie diese Partnerschaften auch so behandelt.

Was seitdem passiert ist, lässt sich schnell erzählen. Es wurde mehr diskutiert, auf Panels, in Gesprächen, in Verbänden wie BVDW und APMC. Marktzahlen wurden plötzlich öffentlich verglichen, statt nur intern zu zirkulieren. Es gibt neue Publishermodelle. Creator verhandeln inzwischen ernsthaft mit. Und seit diesem Jahr reden wir zum ersten Mal ernsthaft darüber, was generative KI mit der Sichtbarkeit von Partnern macht. Das ist mehr Bewegung, als ich vor einem Jahr erwartet hätte. Reicht mir trotzdem nicht. Denn parallel dazu passiert weiterhin genau das, worüber vor einem Jahr niemand offen gesprochen hat. Provisionen werden nachträglich geändert, nachdem der Publisher schon geliefert hat. Sales werden storniert, ohne dass jemand erklärt, warum. Programme reagieren wochenlang nicht auf Nachfragen. Tracking wird zum Streitpunkt statt zur gemeinsamen Grundlage. Und in zu vielen Köpfen ist der Publisher immer noch der Traffic-Lieferant, nicht der Partner. Das ist kein technisches Problem. Wir haben längst genug Tools, um Tracking sauber aufzusetzen. Es ist ein kulturelles Problem, und Kultur ändert sich nicht, nur weil man einen Hashtag benutzt.

#FairAffiliate war nie als Vorwurf gedacht

Es ging nie darum zu sagen, die anderen machen alles falsch. Es ging darum zu sagen, dass wir gemeinsam besser werden wollen, mit ein paar Prinzipien, auf die man sich einigen kann. Transparenz. Verlässlichkeit. Kommunikation auf Augenhöhe. Fairness, die auch dann gilt, wenn gerade niemand hinschaut. Was mich optimistisch stimmt, ich merke, dass immer mehr Menschen in der Branche darüber sprechen, ohne dass wir sie dazu einladen mussten. Auf der OMR, bei Swipe Right, in der Kooperation mit Trusted Shops, in Gesprächen, die ich für den Podcast Mittelstars führe. Das Thema ist nicht mehr nur unseres.

Deshalb glaube ich, dass wir nach einem Jahr #FairAffiliate den nächsten Schritt gehen müssen, nicht mehr nur als Initiative eines einzelnen Netzwerks, sondern als geteilte Verantwortung von Publishern, Advertisern, Agenturen und Netzwerken gleichermaßen. Fair Partnerships statt #FairAffiliate, wenn man so will. Jeder trägt einen Teil davon, nicht nur derjenige, der den Hashtag erfunden hat. Affiliate Marketing wächst, die aktuellen Marktzahlen zeigen das eindrucksvoll. Die eigentlich interessante Frage ist für mich inzwischen aber nicht mehr, ob unsere Branche wächst, sondern wie wir wachsen wollen. Denn nachhaltiges Wachstum entsteht nicht durch mehr Umsatz allein, sondern durch mehr Vertrauen zwischen den Partnern, die es erwirtschaften.

Was müsste sich aus eurer Sicht als Erstes ändern, damit sich Publisher in dieser Branche wirklich als Partner behandelt fühlen, und nicht nur als Kanal?

Über die Autoren

Marcus Seidel

Marcus Seidel

ADCELL

Marcus Seidel ist Unternehmer, Investor und CEO von ADCELL. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Affiliate-Marketing sowie den Themen Mittelstand und Unternehmertum.

Gregor Janik

ADCELL

Gregor Janik ist CEO von ADCELL. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Affiliate- und Partnermarketing, verantwortet die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens und ist Initiator von #FairAffiliate, einer branchenweiten Initiative für fairere Partnerschaften.