Warum der eigentliche Marketing-Moment erst nach dem Anruf beginnt
– von Bernhard Bachmeier (sixpoint media Gruppe) –
Seit Monaten kommt man am Thema KI Voice Agents kaum noch vorbei. Wer sich im Online-Marketing bewegt, bekommt auf Facebook, Instagram oder LinkedIn gefühlt im Dauertakt die nächste Plattform ausgespielt, die den ultimativen KI-Telefonagenten verspricht. Manche Lösungen sind erstaunlich gut. Andere eher unerquicklich. Und viele klingen in der Demo besser als später im echten Einsatz.
Ich beschäftige mich selbst seit einigen Monaten intensiv mit dem Thema und habe bereits mehrere KI Voice Agents eingerichtet und getestet. Dabei ist mir ein Punkt immer wieder aufgefallen: Fast alle Systeme können Gespräche annehmen, Inhalte erfassen, analysieren, weiterleiten oder in irgendeiner Form dokumentieren. Genau dort endet der Prozess dann meist.
Spätestens hier denkt sich vielleicht der eine oder andere Leser: Schön und gut, Bernhard, aber was hat das jetzt bitte mit Online-Marketing und Affiliate-Marketing zu tun? Klingt eher nach Telefonzentrale 2.0 als nach Umsatzhebel. Und genau da wird es spannend. Denn in dem Moment, in dem die meisten KI Voice Agents gedanklich Feierabend machen, fängt Marketing erst an.
Denn was passiert nach dem Gespräch? In vielen Fällen: nichts. Der Anruf ist vorbei, die Information wurde aufgenommen, vielleicht intern weitergeleitet, und das war’s. Aus Marketing-Sicht ist das erstaunlich wenig. Denn genau in diesem Moment ist Aufmerksamkeit da, Interesse da, Bedarf da. Besser wird das Timing selten.
Über den Autor

Bernhard Bachmeier
sixpoint media Gruppe
Bernhard Bachmeier (geb. 10.09.1967), CEO der sixpoint media Gruppe und Seriengründer. Seit 30 Jahren arbeite ich in der Direktmarketing-Branche und habe alle Formen der Kundenkommunikation erlebt — von klassischen Mailings und Telefonkontakt bis zu datengetriebenen Multikanal-Strategien. Lange Zeit lag mein Schwerpunkt im Bereich E-Mail-Marketing; mit dem Einzug von KI haben sich meine Aufgaben jedoch etwas verschoben: Heute konzentriere ich mich verstärkt auf KI-gestützte Automatisierung, Datenanalyse und die strategische Gestaltung kundenzentrierter Prozesse. Prozessautomatisierung und Prozessoptimierung liegen mir nach wie vor sehr am Herzen. Ich halte auch immer wieder Vorträge im niederbayerischen Gründerzentrum INN.KUBATOR, wo ich praxisnahe KI-Anwendungen/KI-Agenten für Gründer vorstelle.
Und genau hier kommt ein Kanal ins Spiel, der noch viel zu selten mitgedacht wird: RCS, Rich Communication Services. Vereinfacht gesagt ist RCS das moderne Upgrade zur klassischen SMS. Nur eben nicht so trocken, nüchtern und textlastig wie früher, sondern deutlich interaktiver, visuell ansprechender und näher an dem, was Nutzer heute von digitaler Kommunikation erwarten.
Und das ist alles andere als Theorie. Telefonate finden heute längst nicht mehr nur klassisch über das Festnetz statt. Im Gegenteil: In Deutschland wurden 2024 im klassischen Telefoniebereich rund 148 Milliarden Gesprächsminuten über Mobilfunknetze und nur 57 Milliarden über Festnetze erfasst. Anders gesagt: Es wird inzwischen etwa zweieinhalbmal so viel über Mobilfunk telefoniert wie über Festnetz. Genau deshalb lohnt es sich, den nächsten Schritt der Kommunikation direkt auf dem Smartphone weiterzudenken.
Ein einfaches Beispiel: Jemand ruft bei seiner Lieblingspizzeria an und bestellt eine Margherita. Kurz nach dem Gespräch landet auf dem Smartphone nicht einfach nur eine schlichte SMS, sondern eine grafisch aufbereitete Nachricht mit Logo, Bild, Bestellbestätigung und einer klaren Handlungsoption. Und wenn der Betreiber es clever macht, steht direkt noch ein passendes Zusatzangebot dabei: Wer innerhalb der nächsten fünf Minuten ein Tiramisu dazu bestellt, bekommt 20 Prozent Rabatt. Ein Klick genügt.
Noch interessanter wird das Ganze, wenn der Anrufer gerade niemanden erreicht hat. Natürlich kann er eine Nachricht hinterlassen, die von der KI aufgenommen, ausgewertet und direkt an die richtige Stelle weitergegeben wird. Aber selbst wenn keine Nachricht hinterlassen wird, muss der Kontakt nicht einfach versanden. Statt Funkstille könnte im Anschluss eine RCS-Nachricht aufs Handy gehen mit einer einfachen Frage: Wann dürfen wir zurückrufen? Dazu ein oder zwei saubere Auswahlbuttons, etwa „in 15 Minuten“, „heute Nachmittag“ oder „morgen Vormittag“. Aus einem verpassten Anruf wird so kein verlorener Kontakt, sondern ein sauber aufgefangener Touchpoint.
Genau an dieser Stelle wird aus einem simplen Telefonat plötzlich ein Marketingprozess. Der Voice Agent übernimmt den Erstkontakt, nimmt Informationen auf oder führt das Gespräch vor. RCS knüpft im Anschluss direkt daran an, verlängert den Kontakt aufs Smartphone und macht aus Aufmerksamkeit eine konkrete nächste Aktion. Bestätigung, Zusatzverkauf, Termin, Lead-Weiterführung oder eben Conversion.
Für Online-Marketing ist das deshalb interessant, weil hier zwei Welten zusammenfinden, die bislang oft getrennt gedacht wurden: Sprachinteraktion und mobile Anschlusskommunikation. Für Affiliate-Marketing kann das ebenfalls spannend werden, immer dann, wenn nach einem Gespräch ein passendes, sauberes und kontextbezogenes Angebot folgt. Nicht als plumpe Werbeverlängerung, sondern als logischer nächster Schritt nach einer echten Interaktion.
Die Pizzeria ist dabei nur das einfachste Beispiel. Das gleiche Prinzip lässt sich auf Beratungsanfragen, Terminvereinbarungen, Produktinteresse, Lead Nachfassaktionen oder Servicekontakte übertragen. Immer dort, wo ein Gespräch stattfindet und direkt danach eine sinnvolle mobile Kommunikation möglich ist, wird das Modell interessant.
Was mich daran besonders fasziniert: Viele sprechen bei KI Voice Agents vor allem darüber, wie Anrufe automatisiert werden können. Die spannendere Frage ist für mich aber, was danach passiert. Denn wer nur telefoniert, automatisiert Kommunikation. Wer den Kontakt danach intelligent weiterführt, baut daraus Marketing.
Und genau deshalb schreibe ich hier über KI Voice Agents. Nicht weil Telefonbots plötzlich das neue Affiliate-Wundermittel sind. Sondern weil sie in Kombination mit RCS eine Brücke schlagen können zwischen Gespräch, Aufmerksamkeit und Handlung. Oder einfacher gesagt: Der Anruf ist dann nicht das Ende des Prozesses, sondern der Anfang von etwas, das für Marketer erst richtig interessant wird.
P.S.: Nicht jeder Anruf endet mit einem Gespräch, aber jeder Anruf kann der Anfang einer Conversion sein.